| Friedman & Liebezeit in Mac Life |
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interview, published October 2008, in German
mit Jaki Liebezeit & Burnt Friedman (...) ML: Welche Rolle spielt denn der Computer für Dich? Du kannst damit nahezu alle Instrumente, die du je spielen möchtest mit dem Rechner simulieren. Friedmann: Im Grunde genommen ist es nur ein Mehrspuraufnahme- und abspielgerät. Mit der Möglichkeit alles Aufgenommene zu atomisieren und neu zusammenzusetzen oder Korrekturen zu machen, damit die Musik so klingt, wie sie gemeint war. Also eine Art Quantisierung stattfindet. ML: Und der Mac? Ist das ein besonderer Computer für Dich? Friedmann: Ich hatte immer nur Macs, deswegen kann ich das nicht beurteilen. ML: Und Du, Jaki, arbeitest Du mit einem Mac? Liebezeit: Ich bin, sozusagen, Analphabet. Mit Computern bin ich noch nicht soweit – ich habe auch keinen. ML: Das heißt, Du verzichtest auf die moderne Kommunikationslinie mit E-Mailing, Chats? Liebezeit: Wenn das zum Zwang wird, dass man nur noch per E-Mail, Chat oder übers Internet kommuniziert, muss ich mich dagegen wehren. Ich habe keine E-Mail-Adresse, das erspart mir auch viel Arbeit und Ärger. Ich brauche keinen Computer. ML: Ließe sich denn Eure Musik heute ohne Rechner wie Macs herstellen? Ihr braucht doch elektronische Aufnahmegeräte. Liebezeit: Das wäre komplizierter. Zum Beispiel nehmen wir das Schlagzeug hier auf. Bernd kommt mit seinem Laptop und ein paar Zusatzgeräten, Interface und das war es schon fast. Dann schließen wir das Schlagzeug an und nehmen auf. Gleichzeitig können wir auch eine Art Playback fahren, so dass ich etwas höre und dazu spielen kann. Das ist unkompliziert und wir brauchen nicht ins Studio zu gehen. ML: Was ist denn für Dich, Bernd, das Wichtigste bei der Arbeit am Mac? Was macht die Arbeit aus? Friedmann: Das allgemeine Problem der Unfertigkeit, der Vorläufigkeit. Das ist der wichtigste Faktor. Liebezeit: Es ist nie fertig. Das ist auch ein Nachteil. Es gibt zu viele Möglichkeiten. Friedmann: Das ist der wichtigste Effekt des Arbeitens mit dem Rechner. Im Guten wie im Schlechten. Man kann alles revidieren, überarbeiten und erneuern, aber man kann auch sich sein Leben lang verstricken oder nie irgendetwas zu Ende bringen. Das ist es eben, was ich Technologie nennen würde. Nicht das Gerät, sondern die Art und Weise, wie man welche Technik sich aneignet, mit welcher Technik man Trommeln spielt oder mit welcher Technik ich den Computer bediene. Jeder Mensch hat eine andere Konfiguration, ein anderes System, eine andere Umsetzung, weil die Herkunft eine andere ist. Ich habe nicht mit dem Computer angefangen, Musik zu machen und übertrage immer noch meine Erlebnisse, Erfahrungen aus der Zeit, in der es andere Abläufe waren. Ich bin wahrscheinlich kein guter Umsetzer der neuesten Programme. ML: Also keine neue Software? Warum nicht? Friedmann: Weil ich mich weigere, erst Seminare besuchen zu müssen, um damit arbeiten zu können. Eigentlich ist es ein Widerspruch. Um wirklich kreativ arbeiten zu können, muss man offline gehen. Weil man sonst konfrontiert ist mit der Kommunikation mit den Unternehmen, die einem permanent die neueste Version verkaufen wollen. Man wird zum Verwalter, wenn man online bleibt. Will man kreativ sein, ist es am besten seinen Computer einzufrieren, sobald er gut läuft und die Programme keinen Ärger machen. Man kommt auch nur weiter, wenn man mit den Instrumenten, mit der Software improvisiert. Das heißt, man muss sie komplett verstehen, um spielen zu können. Sonst verharrt man im Ausprobieren der Möglichkeiten und Sounds. Alle Programme werden mit bestimmten Voreinstellungen ausgeliefert oder mit Klang-Presets ausgestattet. Wenn ich nicht experimentiere, neige ich dazu, die Voreinstellungen als Grundlage der künstlerischen Arbeit zu nehmen. ML: Du könntest also noch mit einem alten Apple SE 30 arbeiten? Friedmann: Oder mit einem Atari. Das war ein rudimentärer Sequenzer, der alles hatte, was wünschenswert ist. Jetzt muss ich jedes Jahr ein neues Programm lernen, um dort anzufangen, wo ich schon längst war. Nur weil bestimmte Handbewegungen, die man sich antrainiert hat, nicht mehr machbar sind. Es sind andere Funktionen plötzlich an derselben Stelle. Ich muss umlernen, neue Griffe lernen. Deswegen bevorzuge ich externe Geräte und den Computer nur als Aufzeichnungsgerät. ML: Welche Programmme benutzt Du auf dem Mac? Friedmann: Zum Musikmachen Logic Pro und Pro Tools. ML: Hier im Proberaum steht ein aktuelles MacBook Pro. Es gibt also doch Vorteile bei der Verwendung neuerer Technologie? Friedmann: Nicht unbedingt, ich zweifle das an. Wir hatten allerdings auch Ärger mit Abstürzen, live vor allem. Liebezeit: Vielleicht zweimal in acht Jahren. Das war keine große Panne. Friedmann: Aber es ist schon ein Grund, einen Rechner und eine Schnittstelle zu wählen, die mehr Daten übertragen kann. Worauf ich hinaus wollte mit meinem Plädoyer für externe Geräte ist, dass ich die Gefahr sehe, dass sich diese Computer zu universalen Maschinen entwickeln. So dass alle Studiofunktionen, alle Dinge, die zur Musikproduktion gehören, mit einer einzigen Maschine gemacht werden. Das ist eigentlich eine Art Gängelung. Man arbeitet dann in einer gewissen Abhängigkeit von den Herstellern. Es ist dann nur noch eine Firma. Alles ist "i": iTunes, iPod, iPhone. Und deren Programmstruktur diktiert auch die Arbeitsweise. Alles wird auf eine Firma getrimmt, auf eine Identität. ML: Die große universale Maschine. Ist das ein Alptraum oder ein Traum? Friedmann: Das ist der totale Alptraum. Weil alles unter völliger Kontrolle ist: die kreative Produktion, die Verarbeitung und die Vermarktung. Das ist ein geschlossener Kreislauf. Die Musik wird auf den gleichen Geräten produziert, mit denen sie auch wieder angehört wird. Die Firma bestimmt, was gemacht wird, mit welchen Geräten und auf welchem Wege. Dann haben wir auch noch das Internet als nächste Kontrollfunktion. Wenn völlig klar ist, wer welche Musik herunterlädt, kann ich auch vorausberechnen, welche Musik gebraucht wird. Es wird alles bis ins kleinste Detail berechenbar. Und somit regiert dann auch immer mehr die Quote. Die Kommerzialität bestimmt alle Entwicklungen. Was sich nicht rechnet, wird rationalisiert oder fällt dem nächsten Redundanzschritt zum Opfer. Liebezeit: Sicher, aber dann wird es eine Opposition geben. Gegen die Diktatur des Computers. Dann werden Menschen kommen wie ich. Ich bin kein Feind des Computers, aber ich brauche einfach keinen. ML: Die neuen Strukturen ermöglichen doch auch viel Experimentelles, Neues, was man sonst nie hören könnte, wenn es nicht den Eintrag der Band in MySpace gäbe. Wo Vertriebswege wie Freundschaften, Bekanntenkreise für die Verbreitung und Öffentlichkeit sorgen. Ihr profitiert auch davon, dass Eure Musik im iTunes-Musicstore zu hören und kaufen ist. Friedmann: Für einen Newcomer, der noch nichts veröffentlicht hat, ist es schwieriger denn je Hörer zu finden, gerade in Deutschland. Man kann sich natürlich auf eigene Faust irgendwo anschließen. Dafür sind die Netzwerke gut, aber auch Zeichen von Vereinzelung der Menschen. Ausdruck der Atomisierung von Gesellschaft. Aber sicher ist es auch gut, denn sonst würde es nicht genutzt werden. Es ist nützlich, auch seine Internet-Seite zu haben. Letztendlich sind es jedoch diejenigen, die solche Technik zur Verfügung stellen, die daran verdienen, nicht unbedingt die, die sie nutzen. Von MySpace profitieren in erster Linie Telefongesellschaften, Internetprovider und Werbeplattformen ML: Am Prozess des Musikmachens ändert sich wahrscheinlich nichts. Es sei denn durch die universale Maschine. Wie sähe die für Euch denn aus? Friedmann: Das ist der Computer ohne Anschlussmöglichkeiten. Der hat dann nur noch eine Zwangsverbindung zum Internet, kein CD- bzw. DVD-Fach mehr, keine Schnittstellen. ML: Wie das MacBook Air oder ein Netbook. Friedmann: Da ist alles drin. Und ich bekomme automatisch alle Updates aufgespielt, ob ich will oder nicht. ML: Die neue iTunes-Version kann ähnliche Stücke zusammen stellen, so dass der Nutzer nur seinem eigenen schmalen geschmacklichen Grad folgt. Wo bleibt die Inspiration, die Entdeckung? Friedmann: Auf diesem Weg kann nur Musik gehört werden, die mit Häkchen-Liste gemacht wurde. Wo sich die Produzenten gefragt haben, was sie darin benötigen und welche Aspekte enthalten sein müssen, damit alle Ansprüche erfüllt werden. Nur diese Musik kann in diesem System funktionieren, aber nicht die, die unwahrscheinlich ist. Denn nur die unwahrscheinlichste Musik enthält überhaupt noch Informationen. Wenn ich die Nachrichten wiederhole, wird zwar Text gesprochen, aber er enthält keine Informationen mehr. Je unwahrscheinlicher die Nachricht ist, umso mehr Informationen enthält sie auch. Das ist bei der Musik genau das gleiche. Wenn ich jetzt Geschmacksrichtungen definiere, durch seine Angewohnheiten Musik zu hören, dann wird man nur einen Spiegel vorgehalten bekommen. Bis alles Sichere auf der Stelle tritt und man scheintot ist. ML: Also ist das Wichtige auch das Unerwartbare, das Unerwartete? Entsteht so Eure Musik? Liebezeit: Unsere Stücke entstehen durch Improvisation. Da wird nicht erst eine Note aufgeschrieben und abgespielt. Das wird erst improvisiert, dann festgehalten. Es geschieht alles spontan, mit unerwarteten Folgen. Friedmann: Ich habe irgendetwas im Kopf oder vielleicht eine Bewegung in der Hand. Eine kleine Zelle, die alles weitere vorausdefiniert. Ein Ablauf, ein Groove, oder ein bestimmtes Klima, was dazu gehört. So eine Art Gedanke, eine Skizze, die hier im Proberaum oder im Studio realisiert wird. Liebezeit: Das geht nicht an einem Tag, kann sich über längere Zeit hinziehen, unter Umständen sehr lange. Da der Computer auch nicht sagt, jetzt ist es zu Ende, sondern immer stecken in ihm noch mehr Möglichkeiten. Friedmann: Es sind ja auch in den Rhythmen viele Möglichkeiten enthalten, die man nicht auf Anhieb absehen kann. ML: Was hat es denn mit Deinem binären Trommelsystem auf sich, Jaki. Denkst Du dann binär am Schlagzeug? Liebezeit: Ich muss möglichst nicht denken beim Trommeln. Das ist ein Code, den ich verinnerlicht habe, ich brauche nicht mehr darüber nachzudenken, so wie ich drei mal drei nicht mehr an den Fingern abzuzählen brauche – ich weiß das sofort. So ähnlich geht es mir beim binären Trommeln auch. Ich kann mir damit Rhythmen merken in Form eines Buchstabens wie im Morsecode. Es können aber längere als die maximal fünf Zeichen hintereinander des Morsecodes sein. Ich kann welche bilden in größerer Anzahl. Das ist meine Verwandtschaft mit dem Computer. |


