nonplace nonplace Burnt Friedman – RESEARCH nonplace
Listening to records with Eric (in German)
Soundcheck Interview, Jazzthetik 2007, with Eric Mandel

 

 

 

Can: Spoon - Sonic Youth Remix  (Sacrilege, Mute 1997)

Burnt Friedman: Es kommt mir unbekannt vor, klingt wie Cabaret Voltaire – Anfang 80er.


Eric Mandel: Das ist eine dieser Remix-Platten, bei denen man nie genau weiss ...

 

Burnt Friedman (als das Schlagzeug einsetzt): Das ist von Can, richtig? Aber welcher von den Remixes das ist, weiß ich nicht. Die Platte ist mir nie aufgefallen. Welcher Remix ist es denn ?

Eric Mandel: Sonic Youth. Aber du hattest damals noch gar keinen Kontakt zu Jaki?

Burnt Friedman: Nein, erst seit 2000. Das ist „Spoon“, ihr damaliger Charthit.

Eric Mandel: Hättest du denn Interesse gehabt, so etwas zu remixen?

Burnt Friedman: Bestimmt. Aber seit 1995 gibt es eine private Version; es ist ein Lieblingsbeat, 7 statt 4. Ich hatte mich aus eigenem Interesse an diesem Liebezeit-Groove an eine Rekonstruktion gemacht;  Jaki ist einer der Ersten, die trotz oder vielleicht wegen nach FreeJazz angefingen, konsequent repetitiv, zyklisch zu spielen ... und damit intensiver auf ihre Spiel, als auch auf den Gesamtsound der Band horchen konnten. Durch diese Herangehensweise entstehen Nummern, die kein Konzept von ihrer Vollendung kennen, an die man immer wieder rangehen kann.

Can: Vitamin C - U.N.K.L.E. Remix (Sacrilege, Mute 1997)

Burnt Friedman: Der gefällt mir. Es ist allerdings nicht Jaki an den Drums. Vor einer Woche habe ich einen Weblink von Jono Podmore, der mit Irmin Schmidt von Can zusammenarbeitet, geschickt bekommen; zu einem Video, in dem New Yorker Kids zu „Vitamin C“ break-dancen. Zum Original aus den 70ern !

Eric Mandel: Ich kann mich an eine Promo-12-inch erinnern, mit der ersten Fassung von „The Librarian“ drauf [Out In The Sticks EP, Nonplace]. Da gab es einen Groove von Jaki Liebezeit, den David Sylvian für seine eigenen Platte komplett ersetzt hat.

Burnt Friedman: Die rhythmische Grundlage für das Stück auf der Nine Horses CD und das auf der „Secret Rhythms 2“ ist derselbe Groove von Jaki. Das ist ein Fünfer, aber für Outsider nicht leicht nachzuvollziehen, aber auch für viele Schlagzeuger nicht. Und so ging es auch David und seinem Bruder und Mitmusiker Steve Jansen, der nach seiner eigenen Auffassung, im Drei-Viertel Modus dazu Schlazeug spielt, der Track dadurch automatisch langsamer wirkt und ein ganz anderen Drive bekommt. Nachdem Jaki´s Spur fehlte, blieben kaum Anhaltspunkte zum Mitspielen übrig, und so wurde das fortan etwas unglücklich als Dreier interpretiert. Ein Unfall.

David Sylvian: Rolling Punches (Brilliant Trees, Virgin 1984)

Burnt Friedman: Das ist David Sylvian ? Ach DIE Scheibe ist das. Bisher nie gehört, immer wenn ich das Cover gesehen habe, dachte ich, das sei eher softe Musik. Jetzt hört man, wie das abgefärbt haben muss auf Gary Numan zum Beispiel. Die Platte „I  Assasin“. Das muss ich mal überprüfen, welche früher dran war - die hat genau diese Ästhetik – ähnliche Phrasierungen, diese funky Mick Karn Bässe !

Eric Mandel: Erinnert mich an Material, und ein bisschen an Defunkt.

Burnt Friedman: Ein paar Titel von den frühen Japan waren ja zum Teil unerträglich rockig, „Adolescent Sex“, Metal-mäßig fast, was haben die vom Nacheifern das eigene Musizieren erst gelernt, die haben sich möglicherweise anfangs einen schnellen Ausweg gewünscht– wollten unbedingt raus aus einer kleinbürgerlichen Lebenswelt. Wurden flott Popstars, dann zu selbstkritischen Künstlern.

Eric Mandel: Sylvian war wohl auch sehr schüchtern und wollte kein Frontmann mehr sein.

Burnt Friedman: Nun macht er einen souveränen Eindruck auf mich, auf der Bühne auch. An diesem Titel merkt man ganz gut, was das sein könnte, intelligente Popmusik – vielleicht ein Paradox. Für die breitere Masse ist es zu clever – musikalische schwerer zu durchschauen, zu viele Elemente übereinander – fast Chaos.

Eric Mandel: Die LP, die ich am tollsten fand, war die mit den Gitarristen Derek Bailey ...

Burnt Friedman: „Blemish“ ja. Das ist bemerkenswert, dass David kein musikalisch eingeschlossener Künstler ist. Obwohl sein Gesang noch immer quasi aus der Schnulze kommt, hat ihn das in die improvisierte Musik gebracht.

Eric Mandel: Wie seid ihr zueinander gekommen?

Burnt Friedman: Er hat mir ein Bearbeitung eines „Blemish“ Album Tracks angeboten, als ich ihn auf seiner Tour 2002 nach dem Konzert kennengelernt hatte. Zu einem späteren Treffen habe ich ihm noch einen zweiten Titel als Remix von mir aus angeboten. Außerdem hat er unfertige Titel von Jaki und mir gehört, basierend auf diversen krummen Rhythmen. Einer davon war „The Librarian“, der besagte Fünfer. Irgendwie hat ihn das angemacht. David hat mir in Sachen Verständnis der Beats erklärt, dass er intuitiv herangehen würde. Für ihn als Sänger noch machbar, aber  nicht wenn er dazu Schlagzeug spielen müsste. Dem Jaki als Einzigem, ist beim Hören direkt aufgefallen, dass David sich an etwas orientiert, was nicht in der Musik enthalten ist. Und umgekehrt ! David meinte beim Mischen im Studio am Telefon zu mir, mit dem Timing von Jaki stimme etwas nicht ! Ich dachte, na klar, das ist live eingespielt, natürlich nicht ins Raster quantisiert. Aber es ging ihm um die grundlegende, aber unerkannte Bewegung des originalen Grooves. Irre, wie streng sogar Musiker in ihrem Verständnis von Rhythmus sein können.

Flanger: Full On Scientist (E.P. 2, Ninja Tune 1999)

Burnt Friedman: Von mir. Aber schwer einzuordnen. Das ist Flanger, nicht ? , also von Uwe [Schmidt] und mir.

Eric Mandel: Wow, du hast deine eigene Musik nach 2 Sekunden erkannt ...

Burnt Friedman: War schon mal umgekehrt. Als ich mit Hayden Chisholm 2005 auf Tour in Adelaide, Australien war, hat ein DJ meinen Pole-Remix gespielt, ein Titel auf „R“. Am Ende ging ich hin, um zu fragen was das für ein Stück sei. Ich fand den Groove so klasse (lacht)! In diesem Fall hatte ich den Groove nicht verstanden, verdreht gehört.

Eric Mandel: Viele Leute bezeichnen diese Platte als besonders prägend.

Burnt Friedman: Für mich wurde ein Punkt überschritten, konnte danach etwas loslassen, nämlich sich am programmiertem Naturalismus abzuarbeiten.

Eric Mandel: Programmierter Naturalismus ?!

Burnt Friedman. Wie soll ich es nennen... Mikro-Programming vielleicht ?, etwas entlang der technischen Möglichkeiten bis ins kleinste Detail auszugestalten. Irgendwann kann man nicht mehr weiter. Warum sollte es einen zweiten Versuch geben, wenn der erste erfolgreich war ? Bei dieser Platte war uns wichtig, dass nur nach vorne aufgenommen, niemals zu bereits Komponiertem verbessernd zurückgekehrt wurde. Wir haben etwas programmiert, aufgezeichnet, fertig! Im Anschluß daran einen ganzen neuen Part vom letzten Schnitt aus produziert. Unsere Grundidee war, etwa vier Minuten täglich non repetetive Musik zu programmieren, also eigentlich Improvisation an Sequenzern mit allen Klänge abrufbar auf Tasten liegend.

Eric Mandel: Aber ihr habt nicht wirklich Takt für Takt programmiert, sondern Parts ...

Burnt Friedman: Na, zum Beispiel das ganze Rhodes-Solo hier war eine Strecke (hört aufmerksam zu)... nein, hier war ein Schnitt ... hier ein Schnitt.

Eric Mandel: Rhodes und Keyboard-Bass sind von Uwe?

Burnt Friedman: Das war Uwe. Ich habe mich hier hauptsächlich auf Schlagwerk konzentriert.

Funkstörung feat. Enik: Moon Addicted (12-inch, K7, 2005)

Burnt Friedman: Enik.

Eric Mandel: Die Musik hier ist nicht eigentlich von ihm, sondern ein Feature.

Burnt Friedman: Ach, Funkstörung ... ja, die hab ich gehört, als mp3. Wegen der Gitarre dachte ich, das sei von Enik´s Album, sein Einfluß macht das Stück aus.

Eric Mandel: Ich wollte wissen, wie du zu Funkstörung stehst, die ja auch sehr kleinteilig gearbeitet haben. Und zum zweiten, wie du für dein Album mit Enik gearbeitet hast ...

Burnt Friedman: Mit Funkstörung geht es mir ähnlich wie mit Autechre oder Boards Of Canada und vielen anderen... dass den Stücken genau das fehlt, was sie hier zum Beispiel durch den Enik bekommen haben, den Song.  Aber es ist immer die Frage, wann erwischt einen so etwas, an welchem kreativen Punkt ? Schwer, die Musik anderer Künstler zu beurteilen, weil man selber mal in so einem Stadium war, sich aber davon entfernte, weil es zu verständlich geworden war. Es ist diese manchmal auf der Stelle tretende, Eintaktige, sehr auf das Design von Oberflächen und Atmosphären spezialisierte Baustellen.

Eric Mandel: Enik als Character macht mich etwas ratlos, aber die Stimme ist toll. Unglaublich plastisch.

Burnt Friedman: Enik war für eine Nacht nach Köln gekommen, in der Zeit haben wir uns auf nur zwei Songs fokussiert, die ich ihm ein paar Wochen vorher als Skizze zum Hören geschickt hatte.

Eric Mandel: Willst du solche Tracks wie den mit ihm live umsetzen?

Burnt Friedman: Nein, das ist live nicht unsetzbar. Das ist wie eine Skulptur, da entwickelt sich nichts weiter. Live könnte ich mir das nur als improvisierte Musik vorstellen... auch mit Maschinen.

Eric Mandel: Wie das was ihr mit Flanger live gemacht habt ?

Burnt Friedman: Ach so, ja das war tatsächlich so ein Zwischending, die eine Hälfte der Titel, die kurzen, waren programmiert, ich meine, im Songablauf gleich, die andere enthielt offene Grooves, mit denen improvisiert wurde.

Burnt Friedman & The Nu Dub Players feat. Patrice: Live Is Worth Dying For (Can't Cool, Nonplace 2003)

Burnt Friedman: Es gibt noch ältere Versionen, die alle mal hätten erscheinen können. Dieser hier kommt vom einer Vinyl EP auf dem amerikanischen Hefty Label.

Eric Mandel: Die mit Cody ChesnuTT auf der Rückseite.

Burnt Friedman: Genau, dies hier ist erst die zweite Version.

Root70: Live Is Worth Dying For (Heaps Dub, Nonplace 2006)

Burnt Friedman: Ja, das lohnt sich schon die nacheinander zu hören. Oder gleichzeitig, das geht auch ! Beide Versionen sind auf dem gleichen computerisierten Tempo aufgenommen. Das ist eines der Stücke, die weiter rotieren, an andere Musiker weitergereicht werden, nicht so sehr Versioneering als Abstrahearing. Das Stück wird bald zum dritten Mal auftauchen, auf dem Album der Embassadors, zusammen mit dem kenianischen Sänger Michel Ongaru.

Eric Mandel: Deshalb habt ihr auf Klick-Tempo, einem Timecode gespielt?

Burnt Friedman: Unter anderem auch, weil man so auch Elemente aus jeder anderen Version wieder einfügen könnte. Die Umstellung für die Musiker lag darin, repetetiv und fast schon mechanisch sequenziell zu spielen, einfach und genau, ohne ständig zu variieren. Das ist für viele nicht zu schaffen, die Jazz mögen.